Wie es weiter geht, wissen wir nicht

 

Antonia Freisburger, Antonia Rodrian, Pia Krajewski

KIT - Kunst im Tunnel, Düsseldorf

28.10.2023 - 4.2.2024

 

 

Ist es möglich, dass jedes Atom ein ganzes Universum in sich trägt? Und kann unser Universum gleichzeitig ein Atom eines größeren Lebewesens sein?

So wie wir Menschen uns in diesen unbegreiflichen Fragen verlieren können, so verlieren wir uns auch in Antonia Freisburgers bildgewaltigen Form- und Farbwelten. Tiefrote Wellen weichen gezwirbelten Strängen, die im unendlich erscheinenden Hintergrund langsam verschwinden. Organische Knoten reihen sich aneinander, strahlend pinke Wolken und grüne Tropfen stülpen sich übereinander. In diesem Konglomerat an Formen und Mustern, wie etwa in Phynobell (2023) oder Whyohya (2023), bietet sich den Betrachter*innen eine Welt, in diesie sich körperlich hineinziehen lassen können. Sie vermitteln eine monistische Vorstellung von Innerem und Äußerem. Zwischen dem uns Menschen ungreifbaren außerirdischen Kosmos – dem Universum – und den endlosen Innenwelten von Lebewesen mit all ihren Atomen, Molekülen und Elementarteilchen, ihren organischen Formen, den Venen, Adern, Blutgefäßen und Knorpeln. Auch Atome haben eine Innenstruktur, sie haben Elektronenschalen, deren Verbindungen teilweise verzerrt sind und sie besitzen einen Kern. Diese Kerne wiederum bestehen aus Nuklearbausteinen, Protonen und Neuronen – Strukturen, Formen und Muster, die wir in Freisburgers großformatigen Malereien wiederzufinden scheinen.

Zugleich eröffnet sich uns eine gar dystopische Landschaft. Eine Dystopie in Form apokalyptischer Weltuntergangsszenarien, die womöglich näher bevorstehen als vermutet. Wie es weiter geht, wissen wir nicht. 

Bei Fragen, welche Formen das Leben in Zukunft noch annehmen kann, stoßen wir schnell an einen kognitiven Grenzmoment. Unsere Vorstellung ist endlich, basierend auf dem, was wir bereits wissen und kennen. Diese unbeantwortbaren Fragen können manchmal eine Form von Trauer auslösen. Trauer darüber, wie klein und unwissend wir sind, wie grenzenlos der Kosmos und wie limitiert gleichzeitig unsere Vorstellungskraft ist.

Antonia Freisburger erkennt gerade in diesem ambivalenten Moment der Ungreifbarkeit und bevorstehenden Bedrohung das Schöne. Sie selbst vergleicht es damit, was wohl tiefreligiöse Menschen empfinden müssen. Dass es etwas gibt, dass so viel größer ist als wir selbst. Ein Blick in den Sternenhimmel und wir wissen, was sie meint. Ein Gedanke, der traurig und düster, aber eben schön zugleich sein kann.

Der Entstehungsprozess dieser Form- und Farbwelten ist nahezu immer gleich. Ein bis zweimal im Jahr füllt Freisburger ein Skizzenbuch mit stark intuitiven Formskizzen. Im Zeichnen gerät sie dann in einen fast rauschartigen Zustand, in dem alle Formen und Gestalten, Wellen und Knoten intuitiv auf das Papier gebracht werden können. Ihre Intuition bildet hierbei gleichzeitig bereits die Basis der Komposition, denn einen Rahmen setzt sie von Anfang an fest. Später im Atelier überlegt die Künstlerin, welche der Skizzen sie davon in die großformatige Malerei umsetzen kann. Die Flüchtigkeit der Skizzen weicht nun einem pedantischen Regelwerk – das Farbspektrum muss genauestens überlegt werden, alle Farben im Bild müssen sich aufeinander beziehen und wiederholt auftauchen. Die Formen werden von einer unsichtbaren Lichtquelle angestrahlt und überlappende Farbflächen werden mit Terpentin millimetergenau entfernt.

Auch wenn die Künstlerin ihre Arbeiten teils in Serien unterteilt, ist doch jedes ihrer Gemälde absolut einzigartig. Die Malerei bietet Antonia Freisburger die größtmögliche Freiheit der Darstellung. Sie ist nicht abhängig von der Materialität, wie etwa bei der Bildhauerei, in der die Materialoberfläche eine direkte Einordnung erfordert. Warum ist es hart und glänzend oder rau und glatt?

 Für sie könnte in der dreidimensionalen Umsetzung viel von der Offenheit verloren gehen, die sie in der Malerei findet. Einzig eine Übertragung auf digitale Medien wäre eine Option – aber auch nur, wenn die Offenheit und Gleichzeitigkeit von „es kann alles sein und alles bedeuten“ bestehen bleibt. 

Der Versuch, diesen Grenzmoment des Unvorstellbaren darzustellen, – zu verstehen, was unsere kognitiven Grenzen übersteigt – ist für Antonia Freisburger nicht nur ein gedanklicher Akt, sondern geht auch in eine physische Erfahrung über. Das Gemälde (-Un) (2023) etwa stellt einen sehr intimen Prozess dar, den eigenen physischen und psychischen Schmerz auszudrücken. Dem Hören von Musik kommt dabei ebenfalls eine große Bedeutung zuteil. Düstere Richtungen wie beispielsweise der Black Metal, voll Verzweiflung und menschlichen Abgründen, lösen für sie starke Gefühle von Trauer und Schmerz über den Verlust der Welt aus.

Dann holt die Musik in ihr hervor, was unterbewusst schon vorhanden war, und lässt sie sich verstanden fühlen in ihrem Schmerz. Eine körperliche Grenzerfahrung, eine physische Komponente, in der sie sich völlig losgelöst von allem Irdischen fühlt, und dennoch ein essenzielles Gefühl von Leben hervorbringt, wie auch immer man „Leben“ definieren mag.

Eine weitere physische Ebene eröffnet sich Antonia Freisburger, wenn sie mit dem Ausstellungsraum selbst arbeiten kann. So etwa mit der großformatigen Papierrolle Hyper-Eli (2023) auf dem Boden des KIT oder früheren ähnlichen Arbeiten.

Sie will auf die Räume reagieren, Arbeiten entstehen lassen, die nur für den Ort gedacht sind. Das großformatige Zeichnen auf dem Boden oder an der Wand ist so einnehmend, dass Freisburger an ihre körperlichen Grenzen gelangt. Es erlaubt ihr, sich einem Arbeitsprozess hinzugeben, der nunmehr rein intuitiv und körperlich ist. Ohne Gedanken und Regelwerk überlässt sie sich dem Fluss, bringt wiederholte Zeichen, Formen und Linien auf das Papier. Es wird für sie zu einem heilsamen Prozess, in dem Formen entstehen, die sie so auf der Leinwand nicht hätte verwirklichen können. Für sie eine Out-of-Body-Experience – OOBE, wie sie auch eine ihrer Raumarbeiten 2022 betitelt. OOBE oder im Deutschen AKE (Außerkörperliche Erfahrung) ist ein ähnlich der Autoskopie definierter psychologischer Zustand, in dem man sich während körperlicher Grenzerfahrungen und Bewusstseinszuständen – etwa unter Drogeneinfluss oder starkem Schlafmangel – selbst von außen betrachtet.

Wenn wir vor Antonia Freisburgers Bildwelten stehen, blicken wir dann auch auf uns selbst?

Als wären wir Außerirdische, vermitteln ihre Werke die Ungreifbarkeit allen Lebens, so dass es nicht nur wehmütig macht, sondern auch ein gewaltiges Gefühl von Schönheit generiert.

 

 

Dr. Luisa Seipp

Katalogtext „I‘ve Got You“, KIT - Kunst im Tunnel, Düsseldorf, 2023